Lehrfahrt der unterfränkischen Ziegenzüchter 2013

Nach Kärnten: Nockalmgebiet – Kärntner Seenplatte

Auch in diesem Jahr fand die Lehrfahrt des Ziegenzuchtverbandes Unterfranken großen Zuspruch unter den Züchtern, Gönnern und Freunden der fränkischen Ziegenzucht. Als Reiseziel stand im österreichischen Bundesland Kärnten das Nockalmgebiet vom 31. August bis 3. September 2013 auf dem Programm.

Nach einer langen Fahrt erreichten wir den Milchschafbetrieb von Ulrike und Reinhold Hopfgartner in Kleeblach-Lind. Hier werden seit über 20 Jahren Milchschafe der Rassen Ostfriesisches Milchschaf und Lacaune bzw. deren Kreuzungen gehalten. Die zurzeit melkenden 160 Tiere, deren Ablammungen im Oktober bzw. Februar bis April erfolgen produzieren die Milch für diverse Käsesorten wie Frisch-, Weich- und Schnittkäse verschiedenster Geschmacksrichtungen. Auch Natur- und Fruchtjoghurte zur Erweiterung der Produktpalette werden angeboten. Frau Hopfgartner ist hierbei für die Milchverarbeitung in der hofeigenen Käserei verantwortlich. Vermarktet werden die Käseprodukte auf mehren Biomärkten und in Bioläden, z. B. in Klagenfurt und Villach. Auch in verschiedenen Gaststätten bzw. ab Hof können die leckeren Käsesorten gekostet bzw. gekauft werden. Wir konnten uns bei einer abschließenden Kostprobe von der hervorragenden Qualität der Produkte des Hopfgartners Hofes überzeugen.

In unserem Hotel angekommen hatten wir nach einem reichlichen Abendessen die Möglichkeit, einem Diavortrag über den Nationalpark Nockberge zu folgen. Der Nationalpark wurde 1987, also vor 26 Jahren mit über 184 km² (77 km² Kernzone) gegründet. Etwa sieben Jahre zuvor, 1980 wurde durch einen Volkentscheid die touristische intensive Nutzung dieses Gebietes abgelehnt. Daraufhin konnte der Nationalpark gegründet werden. Die Nockberge haben ihren Namen von den runden Nocken, also den abgerundeten Kanten ihrer Berge. Festgelegte Schutzgebiete sorgen hier für ein Gleichgewicht der empfindlichen Ökosysteme. Wir lernten viele verschiedene Pflanzen- und Tierarten kennen, die ihren Lebensraum in den Nockbergen gefunden haben. So sahen wir Enzianpflanzen, Wollgrasecken, Teufelskrallen oder die berühmte, fast nur in den Nockbergen vorkommende Speikpflanze, die als Duftpflanze z. B. in Seifenprodukten verarbeitet wird. Ihre traditionelle Ernte in 1.800 m ist nur durch bestimmte, amtlich festgelegte Bauernfamilien erlaubt. In der Tierwelt gab es neben Rothirschrudeln, Gämsen und Bergmolchen auch den berühmten Auerhahn zu bewundern. Dieser nur noch selten vorkommende, in Deutschland auf der Roten Liste aufgeführte Vogel, ist für seinen Balzgesang berühmt und dient als Symbol für den Nationalpark Nockberge. Nicht fehlen darf an dieser Stelle das Murmeltier, in Deutschland ein für die Jäger ganzjährig geschontes Tier das in Österreich in bestimmten Zeitfenstern für die Jagd freigegeben ist. Eine Murmeltierfamilie besteht im Normalfall aus einem Bären (männliches Tier), einer Katze (weibliches Tier) und den Affen (die Murmeltierjungen). Sie halten in der Regel 6-7 Monate Winterschlaf bis ca. Ende April. Wenn ein junger Affe mit seiner Körpertemperatur aufgrund seiner Unerfahrenheit zu tief herunterfährt, dann können die Bären oder Katzen ihre eigene Körpertemperatur wiederum um ein paar Grad hochfahren, um den Affen so zu wärmen und vor dem Erfrieren zu bewahren. Einige von uns deckten sich im Verkaufsladen des Hotels mit Murmeltiersalbe, die gut gegen Rheuma und Verspannungen sein soll, ein.

Um uns selbst ein Bild von den Nockbergen zu machen, brachen wir am nächsten Tag mit Annelies aus dem Hotel auf, um eine Bustour auf der 35 Kilometer langen Nockalmstraße zu unternehmen. Diese seit 1981 gebaute, mit 52 Kurven ausgestattete Straße ist nur in den Sommermonaten freigegeben, in den restlichen Monaten ist sie aufgrund der Höhenlage (zum Teil über 2.000 m ü. NN) unpassierbar. Unseren ersten Halt machten wir am Nationalpark-Zentrum, dem Nockalmhof in 1.700 m Höhe. Hier konnten wir uns mittels Info-Tafeln und einem Vortrag über unsere bevorstehende Reise informieren.

Unsere nächste Rast machten wir am höchsten Punkt der Nockberge in 2.042 m an der Eisentalhöhe. Hier konnten wir bei gutem Wetter einen gigantischen Blick über die Berge werfen. Vorbei am Karlbad, einem über 300 Jahre altem Bauernbad mit mittlerweile über 1,5 Jahren Wartezeiten für ein wohltuendes Bad mit heißen Steinen, erreichten wir die Grundalm „Silva Magica“, wo wir uns bei einem Rundwanderweg durch einen Geologie-Pfad die Beine vertreten konnten. Eine weitere Station unserer Reise war die Glockenhütte auf 2.024 m, die „Schiestlscharte“. Hier konnten wir uns bei einem zünftigen Mittagessen stärken und an der Wunschglocke den einen oder anderen Wunsch „läuten“. Auch hatten wir Gelegenheit uns mit einem Zirbenschnaps für die Daheimgebliebenen einzudecken. Dieser aus den Zapfen der Zirbelkiefer, die typisch für Höhen über 1.500 m ist, gewonnene Likör konnte auch schon beim Mittagessen probiert werden.

Unterwegs waren viele, von den Touristen unbeeindruckte „Butterhirschen“ oder „Sahneladies“, wie die Kühe in Kärnten liebevoll genannt werden, zu sehen. Sie waren zum Teil schon weit ins Tal heruntergebracht worden. Eine lang anhaltende extreme Dürre im Frühjahr hatte die Almbauern zu einem für diese Jahreszeit ungewöhnlich frühen Almabtrieb gezwungen.

Zum Abschluss des Tages genossen wir eine erholsame Schifffahrt auf dem zweitgrößten See Kärntens auf dem Millstätter See im Bezirk Spittal an der Drau. Dieser 12 km lange und 1,8 km breite See wird in Kärnten nur durch den Wörthersee in seiner Größe überboten.

An dieser Stelle sei Annelies aus unserem Hotel gedankt, die uns fachkundig und sehr unterhaltsam durch den Tag begleitete.

Fachkundig ging es auch am nächsten Tag weiter. Heinz Jury von der Landwirtschaftskammer Kärnten, Fachberater für Schafe, Ziegen und Wild begleitete uns mit seinem Fachwissen und seinen Ortskenntnissen durch den Tag.

Der erste Betrieb des Tages bei schönstem Sonnenschein war jener von Willi Vierbauch im Mölltal in Obervellach, Ortsteil Lassach. Herr Vierbauch ist als Tierarzt tätig und hat sich mit dem Aufbau eines kleinen landwirtschaftlichen Betriebes einen Lebenstraum erfüllt. Rund 15 Mutterkühe, ca. 45 Mutterschafe der Rassen Brillenschaf und Bergschaf sowie 12 Tauernschecken und Pinzgauerziegen zählen zu seinem Tierbestand, den er mit 20 ha landwirtschaftlicher Fläche ernährt. Die Ziegen werden nur noch des Fleisches wegen gehalten, das Melken hat der Betrieb Vierbauch vor einiger Zeit eingestellt. Grund war Zeitmangel aufgrund der Berufstätigkeit des Ehepaars Vierbauch sowie der frühere Betrieb einer Gaststätte am Hof, die mittlerweile verpachtet ist. Beeindruckt hat uns die Motivation des Betriebsleiters, mit der er diesen landwirtschaftlichen Betrieb aufgebaut hat.

Weiter ging es dann nach Gödersdorf bei Villach. Wir bekamen hier einen Einblick in den Betrieb der landwirtschaftlichen Fachschule Stiegerhof. Die früher als Melkerschule bezeichnete staatliche Einrichtung mit 110 Internatsplätzen bildet verschiedene Fachrichtungen aus. So kann der Beruf Landwirtschaft mit den Schwerpunkten Milchwirtschaft, Mutterschafhaltung oder Schweinemast erlernt werden. Auch die Pferdewirtschaft ist hier eine landwirtschaftliche Fachrichtung. Ähnlich wie in Bayern ist in Kärnten das erste Ausbildungsjahr ein Pflichtschuljahr. Zurzeit gibt es am Stiegerhof eine Klasse mit Landwirtschaftsschülern und eine mit Schülern, die die Fachrichtung Pferdehaltung gewählt haben. Nach dem zweiten und dritten Lehrjahr auf einem praktischen Betrieb (alternativ teilweise auch am Stiegerhof absolvierbar) und bestandener Abschlussprüfung erlangen die Auszubildenden den Abschluss landwirtschaftliche Facharbeiter oder Facharbeiter Pferdewirtschaft. Einer der beiden Abschlüsse ist notwendig für eine spätere Hofübernahme. Die überbetriebliche Praxisausbildung findet während der zwei praktischen Lehrjahre unter anderem durch Melkkurse auf dem Stiegerhof statt. Hierbei werden nicht nur Milchkühe gemolken, sondern auch Saanenziegen und Gemsfarbige. Gerade befindet sich die Fachschule mit einem Teil ihrer bewirtschafteten 40 Hektar in der Umstellungsphase zum Ökobetrieb, was in Kärnten bisher für solch eine landwirtschaftliche Einrichtung einmalig ist.

Den Abschluss des Tages bildete auf der Rückfahrt zu unserem Hotel im Dörfchen Himmelberg der landwirtschaftliche Vollerwerbsbetrieb des Ehepaars Ebner Gotthard und Petra. Mit ca. 60 Ziegen, 12 Milchkühen und 20 ha landwirtschaftliche Nutzfläche, 30 ha Forst und 10 ha Alm wirtschaftet der Betrieb seit 1985 ökologisch. Das junge Betriebsleiterehepaar hat sich vor vier Jahren auf die Zucht und Haltung von Toggenburger Ziegen spezialisiert. Die gewonnene Milch wird mit einem Berufskollegen zusammen an eine Molkerei abgeliefert, ein Teil wird auf dem Betrieb selbst zu Käse verarbeitet und auf einem Bauernmarkt einmal im Monat vermarktet. Wir durften auf dem idyllisch gelegenen Hof von den hervorragenden Käseprodukten kosten und werden sicher nicht die beeindruckende Motivation des jungen Ehepaares vergessen.

Am letzten Tag unserer Reise stand bei der Rückfahrt nach Bayern im Tennengebirge bei Golling eine Wanderung durch die Lammerklauer Schlucht an. Eine gefahrlose Wanderung auf gesicherten Pfaden und Brücken durch eine fast ein Kilometer lange, bis zu 60 m tiefe und zum Teil nur ein Meter breite Schlucht war ein Erlebnis für jene unter uns, die nicht unter Höhenangst litten.

Der ökologisch wirtschaftende Betrieb unseres Züchterkollegen Jürgen Deß stellte schließlich unsere letzte, nicht minder interessante Station unserer Lehrfahrt dar. Hier wurden wir zunächst mit einer sicher einmaligen Begrüßungsmusik durch seine Frau Maria Deß willkommen geheißen. Eine zünftige Stärkung in ihrem fast fertig gebauten Bauernhof Cafè mit musikalischer Untermalung ließ uns staunen. Der vor sechs Jahren neu gebaute Ziegenzuchtstall beherbergt derzeit ca. 170 melkende Ziegen der Rasse Bunte Deutsche Edelziege. Vier genetisch hornlose Ziegenböcke sorgen für die Nachzucht. Die Ziegen haben untertags auch die Möglichkeit zum Freilauf hinter dem Stallgebäude. Die Milch, die in einem Doppel Sechser- Side-by Side Melkstand gewonnen wird, wird mit dem hofeigenen Jeep zweimal die Woche nach Bayreuth und einmal nach Neumarkt in die Oberpfalz an eine Molkerei geliefert. Oft sind Schulklassen oder Kindergartengruppen da, um von Frau Deß kindgerecht die Ziegenhaltung bzw. Landwirtschaft näher gebracht zu bekommen.

Wir können nun auf vier wundervolle, perfekt organisierte Tage zurückblicken, die nicht nur äußerst informativ waren, sondern uns auch landschaftlich wunderschöne Eindrücke vermittelten.

An dieser Stelle noch einmal herzliches Dankeschön an die Organisatoren, allen voran Rudi Hock, Gottfried Prantl sowie Fachberater Hein Jury und alle anderen Beteiligten für das gute Gelingen!

Christine Reuter

 

Die Lehrfahrtbeschreibung zum herunderladen:

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