Verband oberpfälzischer Ziegenzüchter und Ziegenhalter e. V.

Geschichte des Verband oberpfälzischer Ziegenzüchter

Oberpfalz

„Wer mochte sich vor 1890 um jenes, körperlich unschöne und heruntergekommene, Haustier kümmern, denn meistens verließ die Geiß nur einmal im Jahr ihren dunklen Stall, wenn sie zur Bockzeit struppig, dreckig und verlaust, wegen langer Schnabelschuhe nur mit Mühe vorwärtskommend, zum Bock gebracht wurde.“

Mit diesem Zitat wird in einem zeitgenössischen Bericht die Situation der Ziegenhaltung vor 1900 wohl umfassend dargestellt. Die Tiere wurden oft vernachlässigt, züchterisch nicht, oder nur begrenzt gezielt bearbeitet. Als „Kuh des kleinen Mannes“ war sie dennoch in weiten Teilen der Oberpfalz sehr beliebt. Die Gebiete der Schwerindustrie, mit ihren vielen tausend Arbeitern sowie die große Zahl von landwirtschaftlichen Klein- und Kleinstbetrieben, waren einst die Vorbedingung für eine starke Ziegenhaltung in der „Stoapfoiz“. Neben Arbeitern, Handwerkern und Kleinbauern waren es vor allem auch die ausgedehnten Gärtnereien in der Umgebung von Regensburg, die eine größere Anzahl Ziegen zur Verbilligung der Lebenshaltungskosten ihr Eigen nannten. Aufgrund der zunehmenden Bestände wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts überall in Bayern Ziegenzuchtverbände gegründet, so auch in der Oberpfalz.

Im Jahre 1920 wurde der Verband oberpfälzer Ziegenzüchter aus der Taufe gehoben. Genaue Daten sowie züchterische Ambitionen können aus dieser Zeit leider nicht mehr angegeben werden, da die Geschäftsstelle, das damalige Tierzuchtamt Regensburg, in der Nachkriegszeit lange als Soldatenunterkunft diente und viele Unterlagen verloren gingen. Älteste, noch vorhandene Dokumente, belegen einen starken Mitgliederzuwachs in den Jahren 1920 bis 1922 auf über 300 Betriebe. Darum wurde am 17. Juni 1922 das Verbandsgebiet in einen Nordteil mit Sitz in Weiden und einen Südteil mit Sitz in Regensburg aufgeteilt. Verbandssitz und Sitz des Zuchtleiters war weiterhin Weiden.

Zeitgleich wurden kleinere Genossenschaften, meist auf Landkreisebene geschaffen. Die Genossenschaften entstanden von 1929 bis 1933 in Amberg, Sulzbach-Rosenberg, Großalbershof, Grafenwöhr, Weiden, Regensburg-Reinhausen, Regensburg-Weichs, Regensburg-Steinweg, Regenstauf, Bergham, Neumarkt i. d. OPf, Dietfurt a. d. Altmühl und Bad Abbach. In diesen Zuchtgenossenschaften mit Herdbuchführung wurde im Jahr 1936, nach Einführung des neuen Tierzuchtgesetzes, mit den Leistungsprüfungen begonnen. Die ersten Herdbuchaufnahmen erfolgten bereits am 24. Mai 1924 im Stadtbereich von Regensburg. In der nördlichen Oberpfalz wurde am 12. September 1929 in Amberg mit den Herdbuchaufnahmen begonnen.

Der erste Ziegenbockmarkt wurde am Sonntag, 19. Juli 1936, in der Ostmarkhalle Schwandorf abgehalten. Aufgetrieben waren 51 Böcke, die allesamt zu guten Preisen verkauft wurden. Dies führte zu einer rasanten Entwicklung. Auf dem Höhepunkt der oberpfälzer Absatzveranstaltungen konnten auf der 13. Versteigerung im Jahr 1949 55 von 97 aufgetriebenen Böcken vermittelt werden. Der Durchschnittspreis war mit 126 DM beachtlich. Danach wurden allerdings immer weniger Böcke an den Mann, bzw. die Frau gebracht, sodass auf der letzten Auktion im Jahr 1959 von 21 aufgetriebenen Tieren nur noch 12 verkauft werden konnten. Damit endete die Ära der oberpfälzer Ziegenbockversteigerungen.

Die ersten oberpfälzer Ziegenzuchtberater Helm in Weiden und Paul Gahn in Regensburg nahmen ab 1937 die immer umfangreicher werdenden Aufgaben in der Herdbuchführung und den Leistungsprüfungen wahr. Zudem wurde der Landkreis Kelheim in den Verband aufgenommen.

Wegen Einberufung zur Wehrmacht des Zuchtleiters Dr. Bendel, wurde die Geschäftsführung im Jahr 1939 nach Regensburg verlegt und kam 1952 wieder zurück nach Weiden. Erst 1993 änderte sich der Sitz wieder, als die Tierzuchtämter Regensburg und Weiden in Schwandorf am neu errichteten Tierzuchtzentrum zusammengelegt wurden.

Mit dem Wirtschaftswunder kam der Niedergang der Ziegenhaltung. In knapp 20 Jahren sank der Ziegenbestand von weit über 33.000 um 95 % auf nur mehr 1.500 Muttertiere im Jahr 1970. Mit Beginn der Gesundheitswelle in den frühen 80er Jahren setzte ein moderater Aufschwung ein, der bis heute anhält.

Im Verband war die Entwicklung besonders deutlich. Um das Interesse am Verband zu steigern, fusionierte dieser 1988 mit dem Niederbayerischen Ziegenzuchtverband. Aber die erhofften Effekte blieben aus. Bei der Mitgliederversammlung 2004 beschlossen die sechs anwesenden Mitglieder die unvermeidliche Auflösung des Verbandes oberpfälzischer und niederbayerischer Ziegenzüchter und -halter.

Aber wie die Ziegen, die ja bekanntlich nicht unterzukriegen sind, gründeten acht engagierte Ziegenzüchter am 9. Oktober 2005 den neuen Verband oberpfälzischer Ziegenzüchter und Ziegenhalter. Was die Zukunft bringen wird?
Der derzeitige Stand lässt hoffen. So werden derzeit bereits in einigen Beständen mehr als 60 Milchziegen gehalten. 180 Bunte deutsche Edelziegen stehen im größten oberpfälzer Michziegenstall bei vorbildlichen Bedingungen. Die Käserei Wohlfahrt in Sulzbach-Rosenberg hat einen Erfassungswagen für Ziegenmilch angeschafft und einige kleinere Milchviehhalter spielen ernsthaft mit dem Gedanken, 150 Ziegen anstatt der 25 Milchkühe zu halten. Zudem werden vermehrt Ziegen in der Landschaftspflege eingesetzt.
Es könnte also, eine beständige Nachfrage vorausgesetzt, wieder aufwärts gehen, ähnlich dem Spatzen, der von der Katze die Treppe hinaufgetragen wird.

Andreas Kosel

Stand der Ziegenhaltung in der Oberpfalz

Tabelle 1: Stand der Ziegenhaltung in der Oberpfalz (ab 1980 nach InVeKoS geschätzt)
Jahr Anzahl
1933 32.879
1951 33.500
1954 24.400
1960 8.237
1970 1.518
1980 1.800
1990 2.000
2000 2.400
2010 3.000