Lehrfahrt der unterfränkischen Ziegenzüchter 2014

Zu Besuch bei Ziegenzüchtern und Milchschafbetrieben in der Slowakei

Bisher war die Slowakei für die nordbayerischen Ziegenzüchter ein weißer Fleck auf der Landkarte.
Der umtriebige Busunternehmer und begeisterte Ziegenzüchter Rudi Hock wollte das ändern und lud zu einer fünftägigen Erkundungsfahrt in die Hohe Tatra. Für alle, die dabei waren ein wirklich eindrucksvolles, unvergessliches Erlebnis:

Zunächst einmal ging die Fahrt gen Süden, über Regensburg und Passau bis nach Wien. Von dort aus war es dann bis zur slowakischen Grenze und dem anschließend ersten Ziel – Bratislava – nicht mehr weit. Unsere Stadtführerin Dagmar brachte uns nicht nur die Sehenswürdigkeit der slowakischen Hauptstadt näher, sondern berichtete auch anschaulich über die Geschichte, die durch die Nähe zu Wien vielfältig mit Österreich und den Habsburgern verquickt war. Aber auch die aktuelle Situation des Landes und seiner Bewohner kamen nicht zu kurz: auf knapp 50.000 km2 leben heute etwa 5,5 Millionen Einwohner; davon der größte Teil im Westen des Landes. Mit durchschnittlich 300 bis 500 Euro Monatslohn für einfachere Arbeiter und Angestellte liegt das Lohnniveau noch allgemein zurück. Entsprechend hört man oft von jungen Leuten, die ihre berufliche Chance im Nachbarland Österreich oder in Deutschland suchen. Mit ca. 1.130 Euro Jahresausgaben pro Kopf für Lebensmittel sind diese Ausgaben dem Verdienst entsprechend; verständlich deshalb, dass es für hochpreisige Nischenprodukte nur einen begrenzten Markt gibt.

Die Landwirtschaft der Slowakei ist geprägt durch die Großbetriebe mit reinem Ackerbau in der Donauebene, in der bei durchschnittlich 600 mm Jahresniederschlägen hautsächlich Getreide, sehr viel Mais und dazwischen auch Sojabohnen oder Sonnenblumen angebaut werden. Nachdem wir am zweiten Tag in Richtung Hohe Tatra starteten, änderte sich das Bild. In den höheren Lagen nehmen die Niederschläge deutlich zu (bis zu 2000 mm pro Jahr!). Wir sahen immer mehr Getreide, bei dem die Ernte abgebrochen werden musste – mit tiefen Spuren in den Äckern.

Allmählich tauchte auch die ein oder andere Grünlandfläche auf; auch die Struktur änderte sich: es gibt immer noch überwiegend Großbetriebe, teilweise mit Tierhaltung, aber auch dazwischen verstreut kleinere Flächen zur Selbstversorgung. Wir sahen viele Familien bei der Kartoffelernte und hin und wieder auch einmal einen Hirten mit einer Kuh oder ein paar Schafen.

Am späten Vormittag des zweiten Tages erreichten wir auch unseren ersten Besichtigungsbetrieb. Mit dem ehemaligen Landwirtschaftsminister Stanislav Becik lernten wir einen ungewöhnlich unternehmerischen Menschen mit vielen Ideen, Einkommen aus der Tierhaltung zu erzielen. Zunächst wurde uns auf einem Luzernefeld die 78köpfige Herde aus slowakischen bunten Ziegen vorgestellt. Ein eindrucksvolles Bild von glänzenden, gut genährten Tieren. Später konnten wir auch den Stall – Einzelbuchten für die Tiere und einen kleinen, selbst gebauten Melkstand besichtigen. An den Abstammungen, verzeichnet auf den Stalltafeln, konnte man erkennen, dass die Böcke zum Teil aus Tschechien zugekauft werden. Die Milch wird – ebenso wie die auf dem Betrieb gewonnene Schafmilch – in der eigenen kleinen Käserei verarbeitet. Die Milchschafe der Rasse Zigaya konnten wir leider nicht sehen; sie waren weiter entfernt auf der Weide. Beim Rundgang konnten wir weiterhin Kaninchen, Zweinutzungshühner, Masttauben und Pferde besichtigen.

Haupteinkommen aus der Tierhaltung wird aber aus den Mastschweinen (10 Schlachtungen, abgegeben als frisches Kesselfleisch), dem wöchentlich geschlachteten Mastbullen und den mehrere Tausend Köpfe umfassenden Mastenten und Mastgänsen erwirtschaftet. Daneben betreibt der Betrieb in größerem Umfang Ackerbau sowie Obst- und Weinbau.

Im betriebseigenen Gasthaus konnten wir dann zunächst einmal diese Flut von Eindrücken diskutieren und etwas verarbeiten. Unter www.gazdovskydvorbranovo.sk kann man im Internet einen Eindruck von diesem vielseitigen Betrieb erhalten.

Vorbei an den eindrucksvollen Bergen der Niederen und Hohen Tatra ging es dann zu unserem Domizil für die nächsten drei Übernachtungen nach Stary Smokevec (ehemals Altschmecks).

Von dort aus starteten wir am nächsten Tag zu unserem fachlichen Teil, begleitet wie schon am Vortag durch den Vorsitzenden, Herrn Ing. Igor Nemčok, seinem dolmetschenden Sohn und seinem Mitarbeiter Ing. Slavomír Reľovský. Diese drei Herren hatten interessante Betriebe vermittelt und beantworteten geduldig die vielen Fragen um die Schaf- und Ziegenzucht der Slowakei.

Erstes Ziel war eine privatisierte Agrargenossenschaft, die Farm NOVA in Vrbov, die seit 2002 von Herrn Ing. Norbert Fassinger geleitet wird. In früheren Zeiten hatte der Betrieb Rinder und Mastschweine. 2004 erfolgten die Aufgabe der Schweinehaltung und der Austausch von Rindern mitden Schafen der Rasse Valaška. Seit 2005 ist der Betrieb als Biobetrieb anerkannt. Im Ackerbau werden Winterroggen, Weizen, Ackererbsen und Triticale angebaut. Außer dem Dreschen und der Silagegewinnung werden alle Arbeiten von den 70 betriebseigenen Arbeitskräften erledigt; 13
Personen arbeiten in der Schafhaltung.

Zunächst unternahmen wir einen Abstecher in die Pferdeabteilung, wo Jungpferde aus der Slowakei, aus Österreich und Deutschland aufgezogen und ausgebildet werden. Ein Teil bleibt in der eigenen Zuchtherde, der überwiegende Anteil geht wieder an Sport- und Freizeitreiter zurück. Danach ging es aber weiter zu den Milchschafen. Die Valaška-Schafe wurden teilweise mit Ostfriesischen Milchschafen bzw. Lacaune eingekreuzt. Auf die Milchleistung von 240 Litern pro Tier und Jahr, ermolken drei Mal täglich von Februar bis September in einem Melkkarussell der Firma Westfalia war man recht stolz, liegt doch der Landesdurchschnit der Milchschafe bei 77 Litern. Die Milch wird in die Molkerei der Kreisstadt Liptovský Mikuláš (früher Liptau-St.-Nicolaus) verkauft.

Bei der Besichtigung der Herde fielen uns viele Schafe auf, die am Becken mit Blauspray eingefärbt waren. Die Erklärung: ein kürzlich erfolgter Wolfsangriff am hellen Tag, trotz Behirtung. In den Ställen war dann ein weiteres Lazarett schwerer verwundeter Tiere zu sehen.

Weiter ging es in ein sehr interessantes Hirtenmuseum in das nahegelegene Radov. Eine tolle, umfangreiche Sammlung von alten Fotos, Hirtenkleidung und Gebrauchsgegenstände aus dem Alltag des Hütens und der Käseproduktion gaben einen guten Überblick über die Traditionen der slowakischen Schäfer.

Die Hirtenhäuser mit Käserei waren früher traditionelle Raststationen für Wanderer. Aus hygienischen Gründen hat man den Käseverkauf in den einfacheren Produktionsstätten (EUHygienerecht!!) verboten. Einige traditionsbewusste Slowaken wollen aber diese Tradition aufrechterhalten. Auf eine solche modernisierte Hütte lud uns nun Herr Nemčok ein. Wirklich ein Höhepunkt unserer Fahrt! Vor uns ein weites Wiesental mit verstreut weidenden Schafen und wir vor der Hütte, bewirtet von freundlichen Hirten mit Käse, Brot und Buttermilch. Das traditionelle Käsen wurde uns demonstriert und zum Abschluss konnten wir den geräucherten Käse einkaufen.

Nach interessanten Information zur Arbeit des slowakischen Zuchtverbandes verabschiedeten wir uns von den drei Begleitern; nicht ohne vorher verabredet zu haben, dass im kommenden Jahr ein Gegenbesuch bei uns in Deutschland geplant wird.

Doch damit war der Tag noch nicht zu Ende. In unserem Ubernachtungsort Altschmecks war fur den Abend der Besuch einer Koliba, eines typischen Restaurants mit rustikaler Einrichtung, offenem Grill und Zigeunermusik organisiert. Bei einigen Karaffen slowakischem Rotwein und toller Musik ein unvergesslicher Abend!

Der nachste Tag war mit einem touristischen Programm gefullt. Unser slowakischer Reisefuhrer Josef fuhrte uns auf den Spuren deutscher Siedler durch das Zippserland, zeigte uns ehemals deutsche Kirchen und Friedhofe und kleine Stadtchen, in denen fruher unsere Landsleute als Handwerker oder Kaufleute lebten. Er schilderte auch die jungere Vergangenheit mit der Vertreibung nach den Benesch-Dekreten. Abschluss des Tages war ein wunderbarer Blick von den Hugeln mit der beruhmten Wallfahrtskirche Maria Heimsuchung in Levoca ( dt. Leutschau ).

Am Samstag mussten wir dann wieder Richtung Heimat starten. Auf dem Weg zur tschechischen Grenze machten wir Station im Ziegenbetrieb von Jaroslav Janicek. Wir lernten wieder einen findigen Unternehmer kennen, der fur seine 550 gemolkenen Saanenziegen besondere Absatzwege gefunden hat: ein groser Teil der ermolkenen Milch wird im eigenen Betrieb getrocknet und fur Gesundheitsprodukt fur Mensch, Hund und Katze in Pillenform gepresst. Hauptabsatzgebiet ist derzeit der Markt in Russland und der Ukraine. Sein teuerstes Produkt – ein Praparat aus Kolostralmilch – gab er jedem Besucher zum Ausprobieren mit. Die restliche Ziegenmilch wird derzeit von der Molkerei in Ružomberok (dt. Rosenberg) fur 1,10 Euro pro kg aufgenommen. Kunftig ist ein Export nach Kaliningrad (Russland) geplant, da dort derzeit fur ein kg Ziegenmilch 2 Euro zu erzielen ist. Der Betrieb ist Mitglied im slowakischen Zuchtverband. Alle weiblichen Tiere werden aufgezogen und nach Bewertung durch den Verband teilweise nach Tschechien verkauft. Durch ein dortiges Forderprogramm lassen sich fur die slowakischen Zuchter mit durchschnittlich 400 Euro stattliche Preise fur deckfahige Jungziegen erzielen. Betriebsinfo unter: www.bioprodukt.info.

Über Brünn und Pilsen kamen wir am Sonntagabend mit vielen Eindrücken wieder in Bayern an. Wir hatten einen Überblick über die Ziegen- und Milchschafhaltung der Slowakei bekommen, unheimlich nette und interessante Leute kennengelernt und eine tolle Landschaft genießen dürfen. Die Probleme der dortigen Bevölkerung sind uns bewusst geworden und lassen die meisten wohl wieder etwas zufriedener nach Hause kommen. Herzlichen Dank an alle, die an der Organisation dieser Reise beteiligt waren; insbesondere an unseren Kollegen Georg Palme, der die Kontakte in die Slowakei hergestellt hatte und an die Freunde des Schaf- und Ziegenzuchtverbandes in der Slowakei!

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